Alt und uncool, ätsch!

Woran erkennt man, dass man älter wird? Nun, eigentlich an allem. Richtig bewusst wurde es mir aber wieder auf einer meiner letzten Reisen. Früher hätte ich dasselbe Unterfangen selbstverständlich als ‚Trip‘ bezeichnet; heutzutage mache ich nur noch Reisen. Kürzlich stieg ich also an einem fremden Ort in einen Bus und setzte mich hin: Total uncool zuvorderst, im ersten Viererabteil, rückwärts. Ich starrte auf all die jungen Fahrgäste, welche da sassen, wo man sitzt, wenn man cool ist: Ganz zuhinterst, den ganzen Bus im Visier und somit unter Kontrolle. Genaugenommen hatte ich rückwärtsfahrend ja auch den ganzen Bus im Visier – oder eben, der ganze Bus mich. Kurz gesagt: Ich sass verkehrt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Es hätte mir unangenehm sein müssen. Aber ich bin nun mal älter und sowas kümmert mich nicht mehr.

Wie gesagt, war mir der Ort fremd, also drehte ich mich hastig um, um zu sehen, ob der Bus jünger als ich und somit mit modernem Screen und Bushaltestellenanzeige ausgestattet war. Natürlich war er (und das, obwohl ich mich in der Innerschweiz befand). Ich lehnte mich sichtlich erleichtert wieder zurück und merkte, dass ich mich soeben als nicht-einheimisch und nicht-mehr-jung und somit als unlocker geoutet hatte. Ersteres sagten mir alle Blicke, Zweiteres nur die Blicke der jungen Passagiere.

ticketsDas Gute am Älterwerden ist allerdings, dass man beim Reisen in anderen Dingen lockerer wird. Ich war zum Beispiel nie gerne ein Schwarzfahrer. Dafür hatte ich in jungen Jahren einfach zu wenig Nerven. Somit reduzierte sich mein Schwarzfahren auf wenige Male aus totaler Unabsicht oder totalem Zu-spät-auf-den-Bahnhof-kommen. Auch auf dieser Reise musste ich, bevor ich bewussten Bus bestieg, wegen Letzterem den Zug ohne Billett besteigen. Jeder, der schon mal am Bahnhof Wiedikon in Zürich auf den Zug musste, kennt das Problem des fehlenden Tickets, wenn man von Seite Kalkbreitestrasse kommt. (Falls irgendjemand von der SBB das liest: Es gehört unbedingt ein Billettautomat auf diese Seite des Bahnhofs!) Ich hatte keine Wahl: Ich musste auf diesen Zug. Ich wollte das Ticket dann mit meinem Smartphone online lösen. Leider klappte das nicht, weil etwas mit meiner Kreditkarte nicht stimmte.

Wäre dies zu meiner Jugendzeit passiert, hätte ich die ganze Zugfahrt damit verbracht, verzweifelt und mit rasendem Herzen dieses Ticket irgendwie zu lösen. Rein theoretisch gesprochen natürlich. Wir wissen ja bereits, dass ich alt bin und somit das einzige Smartphone, welchem ich in meiner Jugendzeit überhaupt begegnen konnte, dasjenige von Captain Kirk von Raumschiff Enterprise war. Was ich sagen will, ist, dass ich im gesetzteren Alter nur die halbe Fahrt mit vergeblichem Billettlösen zugebracht habe; und das ohne jegliches Herzrasen oder einer Spur von Verzweiflung. Wäre ein Kondukteur gekommen, hätte ich einen guten Grund parat gehabt und die Busse zwar bezahlen, mich aber nicht schämen müssen. Denn wenn man ein paar Falten mehr hat im Gesicht, klingt man sowohl bei Kondukteur wie auch bei Mitpassagieren glaubwürdig und vermittelt nicht das Gefühl, aus reiner jugendlicher Ignoranz schwarz zu fahren. (Übrigens, falls irgendjemand von der SBB das liest: Diese Geschichte ist natürlich frei erfunden!)

Etwas später also fuhr ich uncool, alt und rückwärtsfahrend im Bus durch die Innerschweizer Gegend, liess mich von Jugendlichen abschätzig anstarren und starrte zurück mit der Genugtuung, dass wenn jetzt einer von denen unbebilletted in eine Kontrolle käme, niemand auch nur ein bisschen Mitleid und Verständnis für sie haben würde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *