Der Erfolg des Apfelbaums

Ich bin ja wohl der apolitischste Mensch überhaupt. Aber manchmal kann selbst ich mich der Politik nicht entziehen. So fuhr ich kurz nach Jahresbeginn politisch ahnungslos nach Hause, bis mich meine Tochter mit einem aufgeregten „Mami, was ist da unter dem Baum?“ fast dazu brachte, einmal Ahnung von Politik zu haben. Natürlich nicht gleich zu diesem Zeitpunkt. Eine solche Entwicklung will Weile haben. Der Baum lag nämlich bereits weit in unseren Rücken und mein offensichtlich völlig falscher, aber der Jahreszeit angepasster Vorschlag „Waren es vielleicht Weihnachtslichter?“ wurde von meiner Tochter brutal abgeschmettert. Auch beim zweiten Mal an derselben Stelle mit derselben Frage hielt ich stur an meiner Weihnachtsbaumvorstellung fest und suchte verzweifelt nach besagtem Baum. Wer rechnet denn schon mit früchtetragenden Apfelbäumen um diese Jahreszeit? Genau darum ging es aber, wie ich beim dritten Mal merkte und endlich das Plakat sah, worauf meine Tochter zeigte.

Ratlosigkeit_schadet_Apfelbaum_300„Masslosigkeit schadet“. „Sag ich mir auch jedes Mal, wenn ich auf meine Fettpölsterchen schaue“, dachte ich bei mir, als ich das erste Mal die Botschaft dieses Plakats einer grossen Schweizer Partei bewusst wahrnahm.

Wie erklärt man einer Dreijährigen, dass es die Schweiz ist, welche da unter dem Baum in den Wurzeln hängt? Sie versteht ja noch nicht einmal das Konzept „Land“. Ich nutzte die Gelegenheit und machte sie damit vertraut. Warum der Apfelbaum mit seinen Wurzeln unser Land erdrückt, wollte sie zum Glück nicht wissen. Ich hätte es ihr nicht erklären können. Schon gar nicht, weshalb Äpfel etwas mit Masslosigkeit zu tun haben sollen. Besagte Fettpölsterchen würden nämlich schrumpfen, würde ich mich selbst in Masslosigkeit mit Äpfeln üben. Diese Partei legt doch sonst so grossen Wert auf schwarzrote Bilder. Warum verwirrt sie uns jetzt mit der zusätzlichen Farbe Grün und sich widersprechenden Botschaften? Für mich war der Apfelbaum immer Symbol für etwas Starkes, Positives. Wir haben zur Geburt unserer Tochter einen Apfelbaum gepflanzt. Warum soll der plötzlich böse sein? Das ist ja wie mit Rosmaries Baby. Babys dürfen nicht böse sein; Apfelbäume auch nicht. Dies erinnert mich wiederum an den Baum in Poltergeist, der plötzlich den kleinen Jungen aus seinem Bett reisst und verschlingt. Ich mag jetzt Apfelbäume nicht mehr. Wie damals als ich anfing, vor Ronald McDonald Angst zu haben, nachdem ich Stephan Kings „Es“ gelesen hatte.

Interessant, dass ich nur Horrorfilme mit dem Plakat assoziiere. Aber ich merke langsam, dass die Kampagne zu funktionieren scheint. Erstens spricht sie Kinder an und lässt den Eltern nicht die Wahl, die Plakate zu ignorieren; zweitens habe ich mich das erste Mal seit langer Zeit mit einem politischen Thema für länger als zwei Minuten auseinandergesetzt, so dass ich mal wieder an die Urne gehen werde; denn drittens habe ich jetzt dermassen negative Gefühle, dass ich einfach alles ablehnen und mit „Nein“ stimmen muss. Ganz im Sinne der Partei. Oder habe ich da vielleicht nur fast eine Ahnung von Politik?

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