Eine Frage der Definition

Quizfrage: Was ist kälter plus 4°Celsius oder minus 10° Celsius? Wer mit -10° antwortet, hat noch nie etwas von der Relativitätstheorie gehört.

Noch vor ein paar Wochen habe ich die Australier belächelt, die die zur Zeit herrschende Jahreszeit als Winter bezeichneten. Tagsüber gegen die 20 Grad, nachts etwas kühler – ja, man musste sogar eine Jacke anziehen am Morgen. Quel horreur! Ich hingegen fühlte mich eher wohl. Endlich wurden die Klassenzimmer nicht mehr auf Kühlschranktemperatur airconditioniert. Die Temperaturunterschiede innen-aussen waren nicht mehr so krass und ich fühlte mich wie zu Hause. Endlich war die Luft mal trocken, man konnte eine Treppe erklimmen, ohne dass einem gleich Bäche von Schweiss über den Rücken strömten, und ausserdem konnte ich endlich mal wieder meine guten alten Jeans tragen und nicht immer nur Röcke und Shorts. Die blühenden Bäume und Büsche halfen mir absolut nicht, mich in Winterstimmung zu versetzen. Ich fühlte mich wie im Frühling. So kam es, dass mich der Winter unvorbereitet und erbarmungslos traf.

Noch vor einigen Tagen ging ich mit Shorts und ärmellosem Shirt einkaufen. Die Nacht darauf war schrecklich. Es war die Nacht, in der ich anfing, das Bett mit jemandem zu teilen: Mit meiner Bettflasche!!! Nach der zweiten Nacht hielt ich es nicht mehr aus, borgte mir kurzerhand das Auto einer Kollegin und fuhr in den nächsten Hardwarestore, um mir eine Ölheizung zu kaufen. Seither haben die Temperaturen in meiner Wohnung geändert und so auch meine Definition von ‚Winter‘. In einer Nation, in welcher Worte wie ‚Isolation‘ oder ‚Zentralheizung‘ einfach nicht existieren, sind die Aussentemperaturen während des Tages nicht unbedingt ausschlaggebend für die Definition der Jahreszeiten (man kann nämlich tagsüber immer noch im T-Shirt rausgehen).

In der Zwischenzeit weiss ich, dass wir in Brisbane (oder sogar den meisten Teilen Australiens) die tiefsten Temperaturen seit 50 Jahren hatten. Dies lässt mich hoffen. Ich bin nur froh, wohne ich nicht weiter südlich, wo die oben erwähnten Begriffe nicht viel bekannter – aber noch viel nötiger – sind. Kein Wunder sind die Häuser hier so günstig. Man kann sie jährlich neu verkaufen, sobald die Besitzer erfroren sind.

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