Genau so viel

Genausoviel„Das macht dann genau neunzehn Franken fünfundneunzig“, sagt mir die lächelnde Verkäuferin. Während ich den Code ins Kartenlesegerät eintippe, denke ich: „Natürlich macht das genau neunzehn Franken fünfundneunzig.“ Der Gegenstand war ja auch mit genau neunzehn Franken fünfundneunzig angeschrieben. Wenn mir jemand einen Preis mit „fünfundetwas“ nennt, kann das wohl kaum ungenau sein. Würde ich ungenaue Preise wollen, wäre ich an den Basar nach Istanbul gegangen.
Natürlich sagt die nette Verkäuferin genau diesen Satz wohl einige hundert Mal am Tag. Wahrscheinlich hat sie ihn schon in ihrer Kindheit von der Verkäuferin ihres Dorfladens gehört und ihn beim Spielen im Verkäuferladen genau so nachgespielt. Aber warum genau fühlen wir uns genötigt, das Wörtchen „genau“ einzubauen, wenn wir einen Preis nennen?
Es sind ja nicht nur die Verkäufer, die das Wort benutzen. Auch Kunden habe ich schon fragen gehört: „Was macht das genau?“ Diese Frage würde ich verstehen, würde sie in besagtem Istanbuler Basar gestellt. Der Händler würde sich innerlich am Kopf kratzen und sich fragen, was denn der Spass an genauen Preisen sein soll. Er würde einen Fantasiepreis nennen – der bestimmt nicht mit „fünfundneunzig“ aufhören würde – und würde sich von dem Kunden gerne auf einen Preis runterhandeln lassen, der zwar nicht genau, aber ungefähr dem Wert des Teppichs entsprechen würde. Selbstverständlich würde ein Kunde, welcher in Istanbul nach genauen Preisen fragt, einen viel zu hohen Preis bezahlen.

Aber gehen wir zurück in die Schweiz. Ausser auf dem Flohmarkt und beim Autohändler gibt es bei uns wohl ausschliesslich genaue Preise. Noch nicht mal der in der Schweiz wohnhafte Cousin des Istanbuler Teppichhändlers würde bei Coop oder Migros versuchen, die Milch runterzuhandeln, auch nicht den des Teppichs bei IKEA. Schweizer Preise mit „genau“ anzugeben, ist ein Pleonasmus genau wie der weisse Schimmel. Aber das Wörtchen hält sich hartnäckig.
Genau genommen machen wir es ja mit Zeitangaben nicht anders. Frage ich jemanden auf der Strasse nach der Zeit, werde ich in neunzig Prozent der Fälle die Antwort erhalten: „Es ist genau…“ und dann die minutengenaue Zeitangabe. Dies erscheint mir – gerade, wenn ich auf den Zug muss – sinnvoll. Ausserdem ändert die Zeit mit jeder Sekunde. Preisangaben dagegen ändern sich nicht von dem Moment, an dem wir das Produkt aus dem Regal nehmen und dem Moment, an dem uns der Verkäufer den Preis nennt. Er bleibt genau derselbe. Wahrscheinlich stammt das „Genau“ aus Zeiten, als es auch in der Schweiz noch nicht überall feste Preisangaben gab. Vermutlich hat alles 1928 so angefangen:

Ein Junge fragt am Marktstand: „Wieviel kostet dieses Brot?“ „Weil du es bist, mache ich dir einen Spezialpreis.“ „Oh, danke, lieber Markthändler. Hier ist der Franken, den mir Vater mitgegeben hat.“ „Und hier ist dein Retourgeld, Kleiner.“ Der Junge nimmt’s, hüpft fröhlich zu seinem Vater und erzählt ihm von dem Spezialpreis. „Wieviel denn, Sohn?“ fragt der lächelnde Vater. „Weiss ich nicht genau. Ich habe mich einfach so gefreut, dass ich einen guten Preis bekomme.“ Der Vater zählt stirnrunzelnd das Retourgeld, gibt dem Jungen einen Klaps auf den Hinterkopf und brüllt: „Zweiundachtzig Rappen für ein Kilo Brot? Bist du bescheuert?! Das nächste Mal fragst du gefälligst nach dem genauen Preis!“

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