In vollen Zügen geniessen

Man kann sich die schönen Landschaften anschauen, gemütlich lesen und entspannen.“ Dies sage ich jeweils, wenn ich über’s Zugfahren spreche. Heutzutage nehme ich ja selten mehr den Zug. Nein, nicht die Ausreden dafür sind faul, sondern ich! Es ist einfach bequem, ins Auto zu steigen, loszufahren und am anderen Ort wieder auszusteigen. Trotzdem mag ich Zugfahren aus den oben genannten Gründen.

Heute fahre ich wieder einmal Zug – weil ich muss. Zuerst friere ich mir den Hintern ab beim Warten auf den Bus. Dann fährt mir der Zug beinahe vor der Nase weg, weil ich zuerst auf dem falschen Gleis warte – obwohl der Bahnhof ja zugegebenermassen mit den neuesten Standards der Gleisbeschriftung ausgestattet ist.
Der Zug ist übervoll. Eingeklemmt zwischen anderen Passagieren wandere ich den Gang runter, vorbei an einem besetzten Abteil nach dem andern. Aber da! Etwas weiter vorne scheint noch ein Platz frei zu sein. Alle zögern kurz, entscheiden sich dann aber weiterzugehen. Als ich auf Höhe des Sitzplatzes bin, sehe ich weshalb. Ein Vertreterkoffer nimmt den ganzen Beinraum ein. Ich quetsche mich trotzdem hinein. Wer weiss, ob es nochmal einen freien Platz gibt und stehen und entspannen geht einfach nicht zusammen. Der Koffer drückt mir unangenehm in die Waden, aber immerhin: Ich sitze. Nicht nur die Beinfreiheit ist eingeschränkt, auch mein Oberkörper ist immobilisiert. Das Volumen des Vertreters ist ähnlich seinem Koffer und er nimmt fast eineinhalb Sitzplätze ein, aber immerhin: Ich sitze. Nach einer verkrampften Weile bemerke ich einen sehr unangenehmen Geruch. Entweder ist jemand vor kurzem in Hundekacke getreten oder er/sie hat das Klo nicht mehr rechtzeitig erreicht, aber immerhin: Ich sitze. Einige Minuten später wird der Geruch unerträglich. Warum bloss musste ich mich hier reinquetschen? Dies ist bestimmt der – im wahrsten Sinne des Wortes – beschissenste Platz im ganzen Zug. Mein Anstand verbietet es mir, angeekelt den Sitz zu verlassen. Was, wenn es der dicke Vertreter ist, dem dummerweise was in die Hose ging? Der schämt sich bestimmt schon genug, auch ohne weitere Zurückweisungen. Ich will mich mit Lesen etwas ablenken, aber ich kriege mein Buch nicht aus der Tasche, die so eingeklemmt ist, wie ich. Ich versuche, mich auf die vorbeiziehenden Landschaften zu konzentrieren. Draussen herrscht dicker Nebel.

ZugIndienIm Zürcher Hauptbahnhof kann ich aufatmend meine Tortur beenden. Ich steige um ins überfüllte Tram, bekomme mindestens einen Absatz auf meinen Zehen und einen Ellbogen im Magen zu spüren. Am Zielort endlich angekommen freue ich mich auf eine unterbesetzte Schulung, wo ich den Rest des Tages wahrscheinlich niemanden näher als einen Meter an mich ranlassen muss. Die Empfangsdame entschuldigt sich, dass sie mich nicht mehr erreicht habe, aber der Kursleiter sei krank und die Schulung falle deshalb aus. Ich steige wieder ins – auch in die Gegenrichtung – überfüllte Tram, höre auf die SBB SMS Fahrplanauskunft statt auf meinen gesunden Menschenverstand, steige deshalb hundertmal zu viel um, verpasse alle Anschlusszüge und schaffe es innerhalb von zwei Stunden statt einer nach Hause.

Schöne Landschaften? Gemütlich? Entspannend? Worte, die ich seit heute nicht mehr mit Zugfahren in Verbindung bringe.

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