Wo ist das Erlebnis in der Gastronomie?

Sternen, EngelBären. Man könnte meinen, dass hierzulande jedes zweite Restaurant eines dieser drei Symbole auf seinem Schild trägt. Schaue ich in die Statistik, machen RössliKreuz und Löwen das Rennen. Da ich ein Liebhaber der Abwechslung bin, werfe ich hier ein paar Gedanken in die Stammtisch-Runde und hoffe, dass diese in jedem Hirschen, Bahnhöfli und auch in der Traube diskutiert werden und zu dem einen oder anderen Re-naming führen.

Tiernamen

Abgesehen davon, dass sie allzuhäufig vorkommen, sind RössliHirschen, Ochsen, Adler, Schäfli und Schwanen natürlich legitim, da es sich dabei um einheimische Tiere handelt. Seit wieder ein Bär durch Engelberg wandert, ist auch Bären okay; abhängig von unseren Jägern und dem Migrationsverhalten des Bären kann dies allerdings schnell wieder ändern. Es gibt aber auch noch andere einheimische Tiere. Vereinzelt isst man in der Schweiz im Eichhörnli, im Luchs, im Wolf und sogar im mutigen Hotel Spinne, aber ein Restaurant Ratte, Maus, Elster oder Feuersalamandersucht man vergeblich.
Ich verstehe zwar, dass der Löwe als Kraft- und Wappentier beliebt ist, aber er hat erstens nichts mit unserem Land zu tun und zweitens machen bei den Löwen die Weibchen alles und das Männchen liegt faul rum. Ein Restaurant Löwen sollte sich also einen Tiernamen mit zeitgerechterem Rollenmodell aussuchen: Kaiserpinguin zum Beispiel oder wer futuristisch denkt: Seepferdchen. Obwohl, wenn ich die Gäste im Löwen so beobachte, finde ich den Name doch sehr treffend.
Apropos zeitgerecht: Früher fuhr man mit Pferd und Wagen zum Wirtshaus. Daher überrascht es nicht, dass Rössli immer noch der häufigste Gaststättenname ist. Die Pferde konnte man da auch tränken. Heute nennt man dies Tankstelle. Da Fahrzeuge nicht mehr versorgt werden beim Gasthaus, wäre eine Umbenennung des Rösslis auf Tankstelle unsinnig. Da wir heutzutage nirgends mehr zu Fuss hingehen, ist es allerdings schon richtig, das Restaurant nach dem Transportmittel der Gäste zu benennen.  Zum Auto wäre also passend. Fantasiereich wäre natürlich ein Name, der gleich einen Hinweis auf die Küche gibt. So wäre für ein Sushi-Restaurant ZumSubaru geeignet, für französische Küche Zum Citroën.
Der Storchen hat es nicht auf die Liste der häufigsten Namen geschafft, finde ich aber erwähnenswert, weil er seine Legitimation gleich doppelt verdient: erstens ist das Tier einheimisch und zweitens steigt die Zeugungsrate aufgrund von Wirtshausbesuchen mit Alkoholkonsum.

Himmelswesen und Religion

Sonne ist zwar legitim, aber viel zu verbreitet. Da man auch nachts ins Wirtshaus geht, könnte man Mond in Betracht ziehen; Sternen gibt es ja auch schon allzuhäufig. Bei Engel und Kreuz sollte eine Diversifizierung mit Symbolen aus anderen Religionen gemacht werden. So könnten sie sich zum Beispiel umbenennen in Zum siebenarmigen Leuchter, Zur Mondsichel mit Stern oder aber Zum Fussball.
Gemessen daran, wie man sich teilweise nach einem Gasthausbesuch nächstentags fühlt, dürfte sich der eine oder andere Engel auch gerne in Teufel umtaufen.

Feld-, Wald- und Wiesennamen

Linde ist in dieser Kategorie der häufigste Name. Leider sind viele der alten Linden gestorben und Wirtshäuser setzen lieber auf Platanen als Schattenspender. Eine entsprechende Umbenennung bietet sich an. Traube und Rebstock wiederum sind nach wie vor treffend. Wenn in einem Lokal allerdings mehr Wodka als Wein ausgeschenkt wird, muss es auf Härdöpfel umbenannt werden. Rose und Blume kommen nicht extrem häufig vor, könnten aber noch etwas Abwechslung vertragen mit Gänseblümchen oder Titanwurz.

Sonstige

Die Postoder das Pöstli sollte in einer Zeit, in der immer mehr Poststellen in andere Geschäfte wie den Volg verlegt werden, in Zukunft vielleicht Postagentürli heissen.
Und dann haben wir noch den Frohsinn. Natürlich ein total legitimer Name, der einlädt zur Heiterkeit. Dennoch fände ich es interessant, in einem Gasthaus Zum Trübsinn einzukehren. Auch traurige Leute müssen mal essen.

Fazit

Mehr Abwechslung in unseren Restaurantnamen fände ich wünschenswert. Aber wenn ich an einem fremden Ort bin, weiss ich wenigstens genau, was mich im Hirschen, Löwen, Bären, Engel, Sternen, Kreuz und in der Linde, Sonne, Traube, Krone erwartet: Gutbürgerlich, verlässlich, immer gleich. Genau das Erlebnis, was wir Schweizer mögen.

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